Auch Coachs machen Fehler

Wie Sie sich auch als Coach immer wieder reflektieren und davon profitieren können

Zehn meist unbewusste Stolperfallen aus der Coaching-Praxis – hier unter der Lupe.

Welche dies sind – und wie man sie vermeidet, erkläre ich als langjähriger Business-Coach und Coach-Ausbildner. Stolperfallen schleichen sich heimlich durch die Hintertür ein. Oft bleiben sie dann lange unerkannt: Die bekanntesten sind Gewohnheit und Bequemlichkeit. Das ist verständlich – leider aber nicht harmlos. Denn aus ihnen entstehen zehn grosse Coaching-Fehler, die den Erfolg einer professionellen Begleitung empfindlich beeinträchtigen. Das muss nicht sein!

Meine nachfolgende Checkliste hilft nicht nur diese Fehler zu verhindern und sie steigert automatisch die Qualität im Coachinggespräch.

Fehler 1: Individuelles Konzept? – Fehlanzeige!

Die Welt des Kunden und dessen persönliche Fragen zu erfassen – daran führt kein Weg vorbei. Das bedeutet:

Vorbereitung! Ohne sie gerät die Eröffnungsphase im Coaching zu einem stotternden Kaltstart. Es ist Aufgabe des Coachs, den Prozess zu steuern. Und das kann er nur, wenn er die Umfeldbedingungen kennt.

  • Coachs sollten deshalb für jede Sitzung genügend Zeit zur Vor- und Nachbereitung einplanen. Dazu gehört, dass sie sich beispielsweise vor einer Sitzung Fragen notieren und sich Gesprächsfäden des vorherigen Treffens noch einmal vergegenwärtigen.
  • Nach dem Gespräch sollten sie die offenen Aspekte festhalten und dafür sorgen, dass sie das grosse Ganze im Blick behalten.
  • Und noch eines sollten Coachs auf jeden Fall klären: Ist ein Coaching die adäquate Massnahme in diesem konkreten Fall? Coaching ist cool und liegt im Trend. Es ist jedoch kein Allheilmittel. Manche Fragen übersteigen die Möglichkeiten eines Coachings. Deshalb kann auch die Ablehnung eines Auftrags zu einem guten Konzept gehören.

Fehler 2: Der Kunde ist noch nicht bereit

Ebenso wichtig ist die Situation des Kunden. Ist er wirklich lernbereit? Ist die Klientin offen für das Coaching? Steve de Shazar unterscheidet «Besucher, Kunden und Klagende». Die Einteilung hilft, die Bereitschaft des Gegenübers zur Arbeit an sich selbst einzuschätzen. Dieser Einschätzung aber braucht ein Coach, um zu wissen, wo er den entscheidenden Erfolgshebel fürs Coaching ansetzten sollte: die gute, tragfähige Beziehung. Mit ihr steht und fällt alles: die Aufnahmebereitschaft der Kundin, das Selbstwertgefühl des Klienten, ihre Arbeitsbereitschaft. Eine gute Beziehung herzustellen, ist Aufgabe des Coachs: Augenhöhe, Respekt und Wertschätzung sind die Grundlagen.

  • Coachs sollten sich deshalb immer wieder bewusst machen, dass ihr Kunde immer im Mittelpunkt steht: Sie müssen sich auf die Denklogik und die Handlungsweise ihres Gegenübers einlassen.
  • Eine Vorliebe für bestimmte Techniken und Methoden dagegen führt auf Abwege. Vor lauter Tools gerät das Wesentliche schnell aus dem Blick.

Fehler 3: Die Auftrags- und Zielklärung fehlt

Im ersten Gespräch lautet der Auftrag an einen Coach in der Regel:

«Helfen Sie mir bei der Überwindung des Problems x oder beim Erreichen des Ziels!»

Dem ersten Anschein nach ein eindeutiger Auftrag. Doch ein guter Coach sollte ihn unbedingt präzisieren und konkretisieren. Etwa mit diesen Fragen:

  • Ist das Thema klar identifiziert und eingegrenzt? Ist das Ziel formuliert? Sind Alternativen evaluiert?
  • Wurden Handlungsschritte eindeutig und umsetzbar formuliert?
  • Wurden die Ziele erreicht? Was hat funktioniert und darf wiederholt werden? Was sollte modifiziert werden?
  • Wurden unbewusste Ziele berücksichtigt? Denn jedes menschliche Verhalten ist zielgerichtet. Mit dem, was ein Mensch tut, verfolgt er ein Ziel – möglicherweise ein unbewusstes. Auch diese gilt es, transparent zu machen.

Fehler 4: Coaching-Rezepte verschreiben

Doch nicht nur Kunde oder Klientin müssen sich bewegen. Auch den Coach kostet das Coaching etwas: Mut, Aufmerksamkeit, Kraft, Ausdauer. Bisweilen ist es deshalb verführerisch, dem Kunden ein Rezept zu verschreiben, nach dem Motto: «Die Frage hat schon einmal jemand gestellt. Damals hat das funktioniert … versuchen Sie doch mal ….».

Meine zwei persönlichen Grundregeln lauten deshalb:

Die Lösung liegt im Gegenüber sowie

Stärken stärken und zwar in kleinen Schritten.

Ein Coaching-Gespräch konzentriert sich auf die Stärken eines Menschen. Immer. Die Ich-Entwicklung und -stärkung ist dabei elementar. Die gelingt, indem ich als Coach mein Gegenüber ermutige, seine Stärken und Fähigkeiten zu fördern, um ihr Wachstum zu fördern. Mit der Ermutigung steigt der «Mut-Level» und mit ihm die Handlungserweiterung. Kleine und einfache Schritte sind das Geheimnis zum Erfolg. Die Kunst liegt darin, durch gezielte Fragen zu führen und auch schwierige Wegstrecken auf sich zu nehmen. Gute, verantwortungsvolle Coaches zeichnen sich durch sozialen Mut aus.

Fehler 5: Den Schuldigen suchen

Auf die Fehler von anderen Menschen zu zeigen, ist immer einfach. Nichts ist bequemer, als Schwierigkeiten ins Aussen zu verlagern. So ist die Versuchung oft gross, Partei für den Kunden zu ergreifen – der dankbar ist für diese Art der emotionalen Unterstützung. Ein absolutes No-Go! Ein Coach ist zur Allparteilichkeit verpflichtet. Es ist seine Aufgabe, die Prozesse aus einer übergeordneten Perspektive zu beleuchten. Eine Beraterin darf keine wertende Position beziehen oder Parteien verurteilen.

  • Dies erfordert innere Flexibilität, Empathie und die Fähigkeit, eigene Werte für den Moment zurückzustellen.
Urs R. Bärtschi, Coach mit eidg. Diplom

Urs R. Bärtschi ist Inhaber und Geschäftsführer der Coachingplus GmbH, Zürich. Er ist Berater, Buchautor und Seminartrainer sowie einer der ersten Schweizer welcher den staatlich anerkannten Titel «Coach mit eidg. Diplom» trägt.

Fehler 6: Die Selbsterkenntnis übergehen

Im Coaching geht es darum, die Selbstregulationsfähigkeit des Kunden zu unterstützen: Der Klient will eine Veränderung in seinem Leben herbeiführen. Er will produktiver werden und sucht dazu nach Strategien für das Selbstmanagement. Für ein erfolgreiches Management aber ist es immer wichtig zu wissen, was und wen man leiten soll. Dies gilt auch für das Selbstmanagement. Das Wissen um die eigenen Fähigkeiten, Stärken, Möglichkeiten und Ziele ist die Basis. Aus dem Grund steht deshalb die Selbsterkenntnis im Vordergrund des Coachings. Diese aber verlangt nach Selbstarbeit und Selbstreflektion. Und die kann ein Coach ihrem Kunden nicht abnehmen.

Fehler 7: Fluchttendenzen des Kunden akzeptieren

Manche Kunden lassen ihre Coach kaum zu Wort kommen. Sie erklären ihrer Beraterin, was für sie das Beste ist und wie sie auf den richtigen Weg kommen. Sie wollen ihre Ideen und Konzepte bestätigt sehen. Meist steckt eine unbewusste Strategie dahinter: Diese Kunden wollen Veränderungen vermeiden. Die Selbstzentriertheit reicht meist so weit, dass das zielführende Handeln in Vergessenheit gerät.

  • Im Coaching müssen dieses Vermeidungsverhalten thematisiert und die Fluchttendenzen aufgedeckt werden. Andernfalls bleibt der Coach verwirrt zurück und wundert sich, wie schwer es ihm fällt, mit dem Kunden eine tragfähige Lösung zu finden.

Fehler 8: Coachingverständnis – kopieren statt kapieren

Persönlichkeit und Leistungserbringung sind für Coachs untrennbar miteinander verbunden. Denn sie sind als Person Teil des Gesprächsprozesses. Die Qualität des Coachings wie auch Inspiration der Erfolg für die Kunden hängt deshalb auch von der Persönlichkeitsentwicklung des Coachs ab. Die aber funktioniert nicht per «Copy and paste»: Schnell ein paar neue Ideen abschreiben und schon ist Entwicklung geschafft? Sicher nicht! Auch wenn die ausgewählten Formulierungen gut klingen: Ein Coach, der sich auf vorgefertigte Phrasen einlässt, verpasst die Chance, innerlich zu wachsen.

  • Auch wenn zuweilen Schweiss und Tränen fliessen: Es gibt keine Abkürzung für die Entwicklung. Coachs sollten das, was sie empfehlen überprüfen und selbst anwenden.
  • Und: Coach sollten ihr persönliches Coachingverständnis für sich ausformulieren. Das stärkt die Authentizität, die eine Voraussetzung für gutes Coaching ist.

Fehler 9: Als Coach auf der Stelle treten

Die Selbstreflektion ist ein steiniger Weg. Doch sie ist auch wichtig, um als Coach den eigenen Stil zu verbessern. Sie hilft Beratungsprofis, ein Sensorium dafür zu entwickeln, wie sie reagieren, denken, fühlen und handeln. Dies ist wichtig, um die eigene Wahrnehmung zu schärfen und auf Richtigkeit zu prüfen.

  • Coachs sollten sich kritisch-reflektiv in Frage stellen, blinde Flecken realisieren und das eigene Handeln zu bewerten. Dabei helfen Gespräche.

Oft lässt sich erst im Austausch mit anderen ermessen, weshalb man bei einem bestimmten Gedanken so und nicht anders reagiert. Für das Gegenüber eines Coachs ist diese Selbstreflektion Gold wert.

Fehler 10: Glauben, gut genug zu sein

Die Ausbildung ist abgeschlossen, das Diplom eingerahmt: «Endlich!» denken viele und lehnen sich zurück. Ab jetzt beginnt für sie der Stillstand. Ein solches Denken ist natürlich schon lange überholt. Besonders im Coaching erleben wir einen Bewusstseinswandel: Menschen gelten nicht mehr als fertig, sondern sie verändern sich ihr Leben lang und können bis ins hohe Alter lernen.

  • Coachs brauchen Inspiration. Und um diese zu finden, müssen sie vor allem selbst in Bewegung sein – und offen für das, was ihnen dabei begegnet.

 «Ein Coaching-Gespräch konzentriert sich auf die Stärken eines Menschen. Immer. Denn es geht um Ermutigung.» Urs R. Bärtschi

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