Betrieblicher Mentor FA: Thematische Prüfungsarbeit

Wir sehen, was wir sehen können: die tendenziöse Apperzeption nach Alfred Adler

«Das Individuum ist mithin sowohl Bild wie Künstler. Es ist der Schöpfer seiner eigenen Persönlichkeit.» (Alfred Adler).

Jeder Prüfungskandidat bearbeitet in seiner Prüfung zum «Betrieblichen Mentor FA» eine schriftliche Aufgabe mit Theoriebezug.

Für eine gute Bewertung kommt es darauf an, Beratungsansätze und Theorien umfassend darzustellen und zu erklären. Zugleich dürfen die Prüfungskandidaten Position beziehen und erläutern, auf welcher Grundlagentheorie sie ihren Beratungsprozess aufbauen.

Ein gutes, vertieftes Literaturstudium ist dazu unerlässlich. Eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem gewählten Theoriebezug ist unerlässlich uns es gilt vertiefte Zusammenhänge aufzuzeigen.

«Tendenziöse Apperzeption»: Die Theorie der zweckgebundenen Wahrnehmung

Wir schreiben das Jahr 1911: Unmittelbar nach seiner Trennung von Sigmund Freud hat Alfred Adler eine eigene psychologische Schule gegründet. Quasi zeitgleich erscheint sein Grundlagenwerk «Über den nervösen Charakter», in dem er zentrale Begriffe seiner Schule einführt – darunter das «Minderwertigkeitsgefühl» und die «tendenziöse Apperzeption».

Grundlagen: Die Philosophie des «Als-Ob»

Das Menschenbild von Alfred Adler war vom Philosophen und Kant-Forscher Hans Vaihinger (1852-1933) beeinflusst. Unter einem Pseudonym hatte dieser seinem Buch mit dem Titel «Die Philosophie des Als-Ob» veröffentlicht. Fiktionen seien Gedankengebilde, schreibt er darin, nichts als erdachte, widersprüchliche Gebilde. Sie seien jedoch die Werkzeuge, die das Denken erst ermöglichten.

Für Vaihinger bedeutet Erkenntnis, Unbekanntes mit Bekannten zu vergleichen. Die Erkenntnis kommt an ihr Ende, wenn sich Unbekanntes nicht mehr auf Bekanntes reduzieren lässt.

Nach Vaihinger kann der Mensch die Realität der Welt nicht wirklich kennen. Als Folge konstruiert dieser Denksysteme und glaubt, dass sie mit der Realität übereinstimmen. Die Menschen verhalten sich so, als ob ihr Verhalten in die Welt passt.

Vaihinger wunderte sich darüber, dass Menschen falsche Annahmen treffen und dennoch zu richtigen Ergebnissen kommen. Wissen kann aus seiner Sicht daher nur pragmatisch begründet sein, nämlich dann, wenn sich Erfolg bei seiner Anwendung einstellt.

Im Weltbild Vaihingers sind Erkenntnisse nicht objektiv wahr.

Entscheidend ist, ob es nützlich ist, so zu handeln, als seien die Erkenntnisse wahr.

Menschen nehmen ihre Umwelt durch einen Filter wahr

Die Idee von der begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen wie auch die Finalität der Erkenntnis nahm Alfred Adler in sein Persönlichkeitsmodell auf. Er verwendete jedoch den Begriff der «tendenziösen Apperzeption».

Nach Alfred Adler sind Menschen nicht in der Lage, die Welt ungefiltert wahrzunehmen. Die Wahrnehmung ist vielmehr abhängig von der eigenen Sichtweise und der privaten Logik. Der Mensch will sich seinen Platz in der Welt erobern und seinem Selbst einen Wert geben. Er bildet sich eine Meinung von sich, seiner Umwelt und seinen Mitmenschen. Jeder Mensch entwickelt dabei eine eigene Strategie – einen Lebensstil.

Dieser inneren Logik folgend, strebt der Mensch auf sein Ziel zu. Sein Handeln verfolgt stets einen Zweck – wobei der Zweck dem Menschen nicht immer bewusst sein muss.

Adler fragt deshalb: «Wozu tut jemand etwas?» und nicht: «Warum tut er es?» Nach Adler ist menschliches Handeln immer von einer Absicht geleitet.

Selektive Wahrnehmung: Jeder sieht aus dem eigenen Blickwinkel

In der Alltagssprache hat sich vereinfachend der Begriff der «selektiven Wahrnehmung» eingebürgert: Menschen erfassen nur das, was für sie von Belang ist; das in ihr Bewertungsschema passt und diesem entspricht.

Ein- und derselbe Sachverhalt wird deshalb von Menschen unterschiedlichen Lebensstils auf verschiedene Weise wahrgenommen und verarbeitet. Jede Wahrheit ist somit eine subjektive. Eine objektive Sicht auf die Dinge ist somit unmöglich. Der Mensch sieht die Welt durch eine eingefärbte Brille. «Die ich-hafte Brille» prägt die persönliche Wahrnehmung sowie deren Bedeutung.

Die tendenziöse Apperzeption kann zu Irrtümern und Fehlverhalten führen:

Persönliche Erfahrungen sind schliesslich durch den individuellen Lebensstil geprägt. Die tendenziöse Apperzeption schliesst alle Aktivitäten ein, mit denen eine Person sich und ihre Welt bewusst und unbewusst wahrnimmt, erlebt und einschätzt. Ichhaftigkeit und eigene Verzerrungen der Wirklichkeit sind insoweit normal.

Ein Bonmot des Psychologen und Psychotherapeuten Eric Blumenthal (1914-2004) bringt dies sehr schön auf den Punkt: «Jeder Streit fängt damit an, dass einer, der Recht haben will, einen zweiten findet, der auch Recht haben will.» (Blumenthal, S.53)

Als-Ob-Fiktion: Die therapeutische Bedeutung der Subjektivität

Paul Watzlawick stellte einen Bezug zur Psychotherapie her, indem er feststellte, «dass die leidvollen Auswirkungen einer Als-Ob-Fiktion – die ihren Ursprung in der Vergangenheit hat – durch eine andere Als-Ob-Fiktion ersetzt werden muss, um so eine erträgliche Wirklichkeit zu erschaffen» (Einführung in den Konstruktivismus, S. 99).

Was bedeutet das praktisch? Vorstellbar ist eine Situation wie diese: Ein Verkaufsleiter kommt als Coachee in ein Gespräch und äussert sich entsetzt über Äusserungen eines Kunden. Nach einigen Fragen seitens des Coaches ändert er sein inneres Bild und äussert sich völlig entspannt: «Ja, so kann man das auch sehen! Ich habe immer gedacht, ich könne ihm nichts recht machen.» Im Beispiel hat der Coachee seinen Fokus geöffnet und seine Sichtweise erweitert.

Vom Konstruktivismus zum systemischen Konstruktivismus und zurück zu Alfred Adler

Der Konstruktivismus unterstreicht, dass jeder Mensch aufgrund seiner Sinneseindrücke eine subjektive Realität erzeugt – und zwar aktiv. Der Geist weist den wahrgenommenen Sinneseindrücken eine Bedeutung zu, wobei die wahrgenommene Realität stark von der individuellen Prägung abhängt.

In der Prozessbegleitung taucht häufig der Begriff «systemischer Konstruktivismus» auf. Die Systemtheorie zählt zu den wichtigsten und prägendsten Konzepten im Coaching. Sie betont, dass nicht allein das Individuum behandlungsbedürftig ist, sondern zugleich die Familie, die es geprägt hat.

Virginia Satir (1916-1988) hat den Gedanken erweitert und einen der wichtigsten Ansätze der systemischen Arbeit eingebracht: Danach muss eine Person immer im Kontext ihrer Situation gesehen werden.

Für sich genommen, ist die Idee nicht neu. Die Individualpsychologie etwa betont das Gemeinschaftsgefühl, die soziale Gleichwertigkeit sowie die Familien- und Geschwisterkonstellation. Der Begriff «systemisch» schliesst jedoch heute auch die Arbeit mit nichtfamiliären Beziehungssystemen ein.

Alfred Adler hatte bereits ein Wording entwickelt, dass der systemischen Idee entspricht. Lernen Sie hier seine Begriffswelt kennen.

Sie sehen: Alfred Adler war seiner Zeit weit voraus. Vieles, was wir aktuell in der Prozessbegleitung diskutieren, hat er vorweggenommen. Kein Wunder also, dass sich unzählige wichtige Köpfe der Psychologie und Psychotherapie auf sein Werk beziehen.

«Es ist für mich ausser Zweifel, dass jeder Mensch sich so verhält, als er ob über seine Kraft und über seine Fähigkeiten eine ganz bestimmte Meinung hätte; ebenso als ob er über die Schwierigkeiten oder Leichtigkeit eines vorliegenden Falles schon bei Beginn seiner Handlung im Klaren wäre, dass sein Verhalten seiner Meinung entspricht.» (Alfred Adler, Sinn des Lebens, S. 16).

Systemischer Konstruktivismus versus Adlers schöpferische Kraft

Alfred Adler spricht von der «schöpferischen Kraft» als ureigener, dem Menschen zur Verfügung stehender Gestaltungskraft. Sie birgt grosses Potenzial, denn alles liegt im Auge des Betrachters.

Der Betrachtungswinkel kann stets geändert werden und damit das Leben sowie dessen Herausforderungen.

Alfred Adler formulierte demzufolge nichts anderes als den «systemischer Konstruktivismus», auch wenn Adler nicht diese Worte brauchte.

Betriebliche/r Mentor/in FA: Schriftliche Arbeiten

Jeder Prüfungskandidat bearbeitet in seiner Prüfung zum «Betrieblichen Mentor FA» ein schriftliches Begleitungskonzept mit Theoriebezug, ebenso eine thematische Arbeit. In den schriftlichen Arbeiten kommt zum Ausdruck, was der Prüfungskandidat in den Ausbildungstagen gelernt hat. Die Ausbildungstage dauern bei Coachingplus 22,5 Tage. Einigen Interessenten erscheint dies als lange, doch ein neues Berufsbild braucht theoretische Grundlagen und gut aufbereitetes Praxiswissen – nirgends lernen Sie schneller, als wenn die Dozenten ihr Wissen und Beratungskompetenz grosszügig zur Verfügung stellen. Dies tun wir gerne bei Coachingplus.

Sie schreiben Ihre beiden schriftlichen Arbeiten, welche die Grundlage für die mündliche Prüfung darstellen. Je mehr Sie durch die Ausbildungstage, das Selbststudium und die eigene Beratungskompetenz gelernt haben, desto besser gelingt Ihnen die Berufsprüfung.

Empfehlenswerte Literatur:

Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 2. vollständig überarbeitete Ausgabe welche im 2017 von Alfred Schilken als Print on demand Ausgabe herausgegeben wurde.

 

 Urs R. Bärtschi, Coach mit eidg. Diplom Work-Life-Balance war gestern -Coaching-Artikel lesen!

Urs R. Bärtschi, Coach mit eidg. Diplom

Urs R. Bärtschi, Coach mit eidg. Diplom, Gründer der Coachingplus GmbH in Kloten. Seit 25 Jahren als Coach und Berater tätig. Als Ausbildungsleiter unterrichtet er den 10-tägigen Studiengang für angewandtes Coaching und bildet zum Betrieblichen Mentor FA aus. Die meistbesuchte Coaching-Ausbildung in der Schweiz.